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Gerdt von BassewitzDie WeihnachtswieseHier waren noch niemals Kinder gewesen; es war ein unbeschreibliches Glück fürdie beiden kleinen Reisenden, daß ihnen die Nachtfee erlaubte, dies zu sehen.Der Maikäfer durfte übrigens auch mit, denn es wäre doch leicht möglichgewesen, daß der große Bär ihn tottrat oder vielleicht gar auffraß, wenn ermit ihm eine Weile allein geblieben wäre. Ganz bescheiden krabbelte also derSumsemann hinter den dreien her, als sie nun auf einem Goldkieswege zwischenkleinen, grünen Tannenbäumchen weiterschritten. Die Luft war erfüllt vonherrlichem Kuchenduft. Alle Kuchen der Welt schienen hier zu sein - besondersnach Pfefferkuchen roch es. Ein warmer, leiser Wind, der in den Zweigen derkleinen Tannen säuselte, trug ihnen diesen prächtigen Duft zu. Selbst dasSandmännchen bekam davon Kuchenappetit; es wischte sich den Mund sehr umständlichund tat so, als ob es niesen müßte, damit man's nicht merken sollte. Der Weg,auf dem sie durch das Tannenwäldchen gingen, war mit vergoldetem Schokoladenplätzchenkiesbestreut. Das roch natürlich auch gut. Anneliese schnabulierte schnell mal einPlätzchen, und Peterchen auch. Wirklich, es waren Schokoladenplätzchen! - undwas für welche! - hmmm!Nun waren sie aus dem Wäldchen heraus. Einen Augenblick blieben sie stehen,vor Erstaunen ganz starr über das, was sie jetzt vor sich sahen. Kein Traum hättejemals etwas so Schönes zaubern können! Eine weite, weite Landschaft lag vor ihnen: Gärten und Felder, Wälder undWiesen, Hügel und Täler, Bäche und Seen, von einem goldenen Himmel hoch überspannt.Eine Spielzeuglandschaft war es, die fast so aussah wie eine richtigeLandschaft; und doch anders, ganz anders - viel, viel zauberhafter. Nicht wie ineiner gewöhnlichen Landschaft wuchsen da Kartoffeln oder Bohnen, Gras oderKlee, sondern hier wuchs das Spielzeug. Alles, was man sich nur irgend denkenkann, wuchs hier; von den Soldaten bis zu den Püppchen und Hampelmännern, vonden Murmelkugeln bis zu den Luftballons. Auf bunten Feldern und Wiesen, inniedlichen grünen Gärten, an Sträuchern und Bäumchen, überall sproßte, blühteund reifte es. Eine Bilderbücherwiese war da, auf der alle Bilderbücher wie Gemüsewuchsen. Das sah sehr bunt und vergnügt aus; manche waren noch nicht entfaltetund wie Knospen in ihren Hüllen, kleine Rollen in allen Farben; manche warenschon auf, schaukelten im Winde und blätterten um. Daneben sah man Beete mitTrompeten und Trommeln. Wie Kürbisse und Gurken kamen sie aus der Erde hervor.Nicht weit davon waren große Rasenfelder mit Soldaten bewachsen, die zum Teilschon weit aus der Erde herausguckten, zum Teil noch bis an den Hals darinsteckten oder erst mit der Helmspitze hervorsahen wie kleine Spargel. Dann warein Feld dort, auf dem die Petzbären wuchsen. Ein kleiner grüner Zaun liefrings herum, denn einige von den drolligen Tierchen waren schon reif, von ihrenWurzeln los und purzelten quiekend herum. Auf der andern Seite wieder waren Gärtenmit großen und kleinen Sträuchern, an denen Bonbons in allen Farben und Größenwuchsen. Kleine Teiche von roter und gelber Limonade glänzten zwischenSchilfwiesen, in denen aus den raschelnden Halmen silbrige Schilfkeulen wuchsen- die Zeppelinballons, Niedliche, summende Flugmaschinen flogen dort alsLibellen herum. Ganz besonders schön waren auch die großen Tannen, an denendie vergoldeten Äpfel und Nüsse wuchsen, und die Pfefferkuchenbäume. Siestanden meistens in Gruppen auf kleinen, runden Plätzen mit Krachmandelkies. Überallhörte man in Bäumchen und Sträuchern eine süße Zwitschermusik. Die kam vonden bunten Spielzeugvögelchen, die zwischen Pfefferkuchenzweigen undBonbonknospen herumhuschten. Sie hatten dort ihre Nesterchen, in denen sie fleißigPfefferminzplätzchen legten. Viele brüteten auch, damit noch mehr Vögelchenzu Weihnachten auskröchen. Sie sind ja sehr beliebt bei den Kindern auf derErde; besonders wenn sie mit Plätzchen gefüllt sind - man weiß das. Das Schönsteaber, was man hier sehen konnte, war eigentlich der Puppengarten. Ein ganzerWald von bunten Büschen und Bäumchen auf grünem Sammetrasen, von einemgoldenen Zaun umgeben. An den Büschen und Bäumchen saßen Tausende und aberTausende von Puppen und Püppchen. Wie kleine Blumen wuchsen sie an den Zweigen;zuerst nur Knospen von Sammet oder Seide, dann Blümchen mit kleinen Gesichternin der Mitte und dann endlich Püppchen oder Puppen mit Haar, Schuhen undSchleifen in allen Größen und Farben. An feinen, silbernen Stielen hingen sievon den Zweigen und konnten abgepflückt werden. Ein kleiner See war auch imPuppengarten, ganz bedeckt mit wunderschönen Wasserrosen. Wenn die aufblühtenund ihre weißen oder gelben seidenen Blätter auseinanderfalteten, so gab eseinen kleinen, klingenden Knall, und in der offenen Blume lag ein rosiges Badepüppchen.Sehr lustig war das! Ja, und dann gab's noch so einen kleinen, seltsamen Wald, ein wenig verstecktin einem tieferen Tal, so seitwärts, hinter einer Marzipanschweinezüchterei.Ganz kahl war's da, ohne ein Blättchen; nur Bäumchen mit Ruten. Immerfortpfiff ein Wind, daß die Ruten sich bogen. Kein Vögelchen zwitscherte, keinFlugmaschinchen summte; es war nicht sehr freundlich in dem Wald. Man brauchteihn eigentlich auch gar nicht zu bemerken, so versteckt lag er. Aber er war dochda auf der Weihnachtswiese - der Rutenwald. Man kann sich wohl denken, wie den Kindern zumute war, als sie alle diesezauberhaften Dinge sahen, während sie an der Hand des Sandmännchens überKrachmandel- und Schokoladenwege, über Zuckerbrücken und Marzipanstraßenhinwanderten zu einem kleinen sanftleuchtenden Berge, der die Mitte des Ganzenbildete. Dort liefen alle Wege und Straßen zusammen auf einen, von Tannenbäumchenumhegten Platz. Auf diesem Platze aber - ja, das war das Allerschönste! standdie goldene Wiege des Christkindchens. Neben der Wiege, auf einem schönen,himmelblauen Großvaterstuhl saß der Weihnachtsmann in seinem pelzverbrämtenRock mit einer silbergrauen Pudelmütze und schneeweißem Bart. Er hatte einelange, schöne Pfeife mit bunten Troddeln im Munde, aus der er ab und zu großmächtigeWolken in die Luft paffte. Dazu wiegte er leise die goldene Wiege, und über derWiege schwebte still ein leuchtender Heiligenschein. Es war sehr feierlich, eswar sehr schön!Nun sah der Weihnachtsmann die kleinen Besucher, die da ankamen. Einfreundliches Lächeln huschte über sein Gesicht - er wußte schon Bescheid-,stand auf, kam ihnen entgegen und sagte: 'Ei, ei, das ist mir eine Freude! Und dann gab er den Kindern die Hand. Peterchen war noch ein wenig schüchternund Anneliese erst recht; es war auch wirklich ein sehr feierlicher Augenblick.Aber der gute Weihnachtsmann streichelte ihnen die Köpfe und die Bäckchen undsagte: 'Nun Peterchen? - nun Anneliese? - Die Kinder erinnerten sich natürlich ganz genau, wie der Weihnachtsmanndamals gekommen war mit Nüssen und Äpfeln und das Weihnachtsbäumchen gebrachthatte. Wahrscheinlich hatte er auch die vielen anderen schönen Sachen gebracht,die nachher auf dem Weihnachtstisch lagen. Das dachten sie sich jetzt, nachdemsie gesehen hatten, daß hier alles Spielzeug wuchs. Der Weihnachtsmann hatte nämlichdamals lange mit Muttchen gesprochen, nachdem sie ihren Spruch schön hergesagthatten, und dann aus einem großmächtigen Sack, der ihm über den Rücken hing,alles mögliche herausgenommen. Muttchen hatte das schnell in dieWeihnachtsstube gebracht; dann hatte der Weihnachtsmann genickt, genau sofreundlich wie jetzt, und war verschwunden. Natürlich kannten sie ihn!Und so faßte Peterchen sich Mut, erzählte, was er vom vorigen Weihnachtenwußte, und Anneliese nickte eifrig mit dem Kopf dazu. Ja, es stimmte! DerWeihnachtsmann bestätigte alles so freundlich, daß die Kinder jede Scheuverloren und sich zutraulich an ihn drängten.Ein sehr spaßiges Männchen sprang da noch mit einer kleinen Gießkanne beiden Weihnachtsbäumen herum und begoß immerfort. Dazu sang es mit seinem dünnenStimmchen: 'O Tannebaum, O Tannebaum, Peterchen mußte plötzlich laut lachen. Der Weihnachtsmann aber erklärte,dies sei das Pfefferkuchenmännchen, sein Gehilfe, der schrecklich viel zu tun hättemit dem Begießen und Pflegen all der schönen Sachen. Davon wäre er zuWeihnachten so mürbe und braun. Das Männchen sprang zwischen den Bäumchenherum wie ein kleiner Floh und begoß - mit Zuckerwasser!!Am meisten aber waren die Kinder jetzt neugierig auf das Christkindchen. Aufden Zehenspitzen schlichen sie näher; denn der Weihnachtsmann sagte: 'Es schläft, um sich das Herz zu stärken, Ja, da lag es, tief in den schneeweißen Kissen, mit goldblonden, strahlendenLocken und schlief. Die Kinder falteten leise die Hände und knieten ganz vonselbst neben der Wiege nieder, so schön und so heilig war es. Als sie aberniederknieten, kniete auch der Weihnachtsmann und das Pfefferkuchenmännchen mitihnen. In demselben Augenblick ging ein wundersames Klingen durch die Luft, alssängen tausend kleine Weihnachtsengelchen das Weihnachtslied. Als Anneliese undPeterchen es hörten, sangen sie unverzagt mit, und ihre Stimmen klangen so schönmit den Engelstimmchen zusammen, daß sie ganz glücklich waren. Während desGesanges aber fiel vom Himmel herab ein goldener Schnee, der duftete schönerals alle Blumen der Welt. Auf allen Bäumen und Bäumchen ringsum glühtenLichterchen auf, und große Sterne strahlten vom Wipfel jeder Tanne im Garten.Himmelsschön war es eigentlich und gar nicht zu beschreiben. Es war aber schonwieder Zeit zur Reise. Das Sandmännchen winkte zum Aufbruch, und von fernher hörteman auch den Bären brummen und stampfen, der ungeduldig wurde wie einPferdchen, das nicht mehr warten will. So gaben die Kinder dem Weihnachtsmanndie Hand und bedankten sich sehr schön. Der lachte freundlich und steckteschnell noch jedem ein ganz frisches Pfefferkuchenpäckchen ins Körbchen. Dannnickte er dem Sandmännchen zu, setzte sich in seinen Großvaterstuhl, paffteriesengroße, steingraue Wolken aus der Pfeife und wiegte das heilige Kindchen.Dazu sprang das Pfefferkuchenmännchen im Hintergrunde zwischen den Tannenherum, begoß und sang sein Liedchen. So war alles wieder wie vorher. Die dreiAbenteurer aber eilten mit dem Sandmännchen zum Eingangstor zurück, über dieZuckerbrücken und Schokoladenwege, schnell, schnell! Besonders der Sumsemann hatte es eilig dabei, denn ihm hatte es am wenigstengut gefallen. Gar nichts war dagewesen für ihn! Lauter Zucker, Marzipan,Mandeln, Rosinen, Limonade, Schokolade! Kein Blättchen gab's, nur Tannen,Bonbonsträucher und Pfefferkuchenbäume - brrrrrrrr!! Nein, solche Gegend paßteihm nicht! Er hatte allerdings einen Kameraden gefunden, einen Spielzeugmaikäfer. Aberals er sich ihm vorstellte, wie sich das gehört, hatte der Kerl bloß gerasseltund geklappert mit seinen Beinen und Flügeln; nicht einmal anständig summenkonnte er. Natürlich, er war aus Blech und hatte statt eines klopfenden,ritterlichen Käferherzens nur ein paar blecherne Räder und eine Uhrfeder inder Brust. Aber sechs Beinchen hatte dieser Blechkerl! Das war wirklich ärgerlich!Er, ein echter Maikäfer, wurde von dem Rasselfritzen mit einem Beinchen übertroffen.So packte ihn wieder die grimmigste Sehnsucht nach seinem Beinchen, und emsig,wie ein Feuerwehrmann, wenn's brennt, lief er neben den Kindern her. Endlichging's ja zum Beinchen, zum Mondberg, zur Erfüllung des großen Wunsches derSumsemänner! Da taten sich vor ihnen auch schon die Tore auseinander, der Bär standschnaufend zum Ritt bereit und schüttelte vor Freude den dicken Kopf, daßseine kleinen Reiter wieder da waren. Schnell saßen sie auf seinem Rücken imweichen Fell. Vor ihnen lag die weite Mondlandschaft, hinter ihnen schlossensich leise die Tore der Weihnachtswiese, und ... fort ging's über den watteweißen,sonderbar schimmernden Boden des Mondes, dem großen Berg zu, der mit seinenseltsamen Formen wie ein riesenhafter Schlagsahnenkegel vor ihnen in der Fernelag. |
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