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Peterchens Mondfahrt

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Gerdt von Bassewitz


In der Kinderstube


So war der letzte Sumsemann denn auch eines schönen Abends in das Schlafzimmervon Peterchen und Anneliese geraten, als die Kinder gerade von der dicken Minnazu Bett gebracht wurden.Peterchen hatte natürlich sein Gebrumm gehört und wollte ihn greifen. Gutwar nur, daß Minna die Jagd nicht erlaubte, denn sonst wäre Sumsemannvielleicht in eine schlimme Lage geraten. Sie war wahrscheinlich schwerhörig,denn sie hatte gar nichts gehört und glaubte, daß Peterchen ihr nur etwasvormachen wolle, um im Hemdchen noch so 'ein bissel' im Zimmer herumzuturnen.

Der Schreck war dem edlen Sumsemann aber doch scheußlich in die Gliedergefahren, und, trotzdem er gerade heute besonders viele Vergißmeinnichtschnäpschengetrunken hatte, war all sein Mut fort. Er lag oben auf der Gardinenstange undstellte sich tot. Dies ist ein altes und bewährtes Mittel bei den Maikäfern,in großen Gefahren. Derweil aber paßte er genau auf, was im Zimmer geschah.Die Minna ging fort, als sie die Kinder ins Bettchen gepackt hatte, undPeterchen unterhielt sich mit Anneliese natürlich gleich über den Maikäfer.Jetzt wurde es wieder gefährlich!

Der Sumsemann bekam oben auf der Gardinenstange kolossales Herzklopfen, alsPeterchen plötzlich leise aufstand, um ihn zu suchen, weil Anneliese ein bisselAngst hatte.>Wer weiß, es hätte ihm doch ans Leben gehen können; obwohl die Kinderja sonst gut waren. Aber man darf sich auf die Gutmütigkeit der Menschen nichtverlassen.< Dies wußte er aus seiner Familiengeschichte.Das Geschick war ihm aber günstig; denn, gerade als Peterchen an der Gardinewar und die Gefahr am höchsten stieg, kam die Mutter herein. Husch! wurde derkleine Junge wieder ins Bettchen gesteckt; beide Kinder mußten die Händefalten und das Nachtgebet sprechen. Dann sang die Mutter ihnen noch einSchlaflied. Und sie sang die berühmte Maikäferballade. Hier ist sie:

'War einst ein kleines Käferlein,Summ - Summ - Summ -Hatte zwei braune Flügelein,
Summ - Summ - Summ - Und sechs Beinchen hatte es auch
Unter seinem schwarz-weißen Bauch,Summ - Summ - Summ.

Saß auf einem grünen Baum,Summ - Summ - Summ - Träumte einen schönen Traum,
Summ - Summ - Summ - Träumte von Sonne, Mond und Sternen
Und von fremden Länderfernen,Summ - Summ - Summ.

Als der dunkle Abend kam,Summ - Summ - Summ - Käferlein sein Ränzel nahm,
Summ - Summ - Summ - Wollt' auf die große Reise gehn
Und die weite Welt besehn,Summ - Summ - Summ.

Flog über einen breiten Bach,
Summ - Summ - Summ - Verlor ein kleines Beinchen, ach!
Summ - Summ - Summ - Reiste nur noch mit fünf Beinen,
Tat so bitterlich drum weinen,Summ - Summ - Summ.

Flog es nach dem Mond geschwind,Summ - Summ - Summ - Kam ein großer Wirbelwind,
Summ - Summ - Summ - Brach ein Flügelchen entzwei;
Ach, das gab ein groß' Geschrei!Summ - Summ - Summ.

Fiel in einen tiefen Wald,
Summ - Summ - Summ - Starb an seinem Kummer bald,
Summ - Summ - Summ - Mußt' die Reis' ein Ende haben;
Sandmännchen hat es eingegraben,Summ - Summ - Summ.'

>Seltsam!< Herr Sumsemann oben auf der Gardinenstange wunderte sich, daßdie Menschen dies Lied auch kannten. Es war ihm aber ein neuer Beweis für dieBerühmtheit der Maikäfer auf der weiten Welt, und dies beruhigte ihn sehr. Alsdie Kinder nun eingeschlafen waren und die Mutter aus dem Zimmer ging, faßte erneuen Mut. Ganz leise rappelte er sich auf und spazierte in der Stube herum.

Er besah und beschnüffelte alles. Eine Puppenstube, ein Schaukelpferdchen,ein Lämmchen, Soldaten und Bilderbücher waren da. Lauter langweilige Sachen!In der Puppenstube war allerdings etwas Zucker; aber Zucker? Puh, den mochteer nicht! Er verstand gar nicht, wie man so was essen könnte. Dann waren nochzwei Körbchen mit Äpfel da. Die Mutter hatte sie den Kindern für morgenhingestellt, wenn sie recht brav ausgeschlafen hätten. Er schüttelte den Kopf.>Wie konnte man nur Äpfel essen?!< Unbegreiflich war ihm das. GreulicheBauchschmerzen hätte er bekommen. Er aß nur Salat; das war vornehm.>Komisch, was den Menschen alles gut schmeckt!< dachte er, und dabei mußteer laut lachen. Da er aber so viel Vergißmeinnichtschnäpse getrunken hatte,geriet er plötzlich aus dem Gleichgewicht und purzelte auf den Rücken. Au!...das war eine außerordentlich fatale und unangenehme Lage für den dickenSumsemann, denn jeder weiß, daß es für Maikäfer sehr schlimm ist, auf den Rückenzu fallen, weil sie sich dann gar nicht mehr recht aufrappeln können. Erangelte also mit seinen fünf Beinchen in der Luft herum und dachte: >Ja, ja,das kommt von den Schnäpschen, die man zum Andenken an die tote Ehefrautrinkt!<

Lebte sie noch, sie hätte ihm sicher eins ausgewischt für die vielen Schnäpschen.Er wiegte sich nach rechts und links wie ein kleines Boot, kreiselte herum wieeine Karussell und quälte sich sehr. Endlich geriet er in die Nähe einesTischbeins, und daran konnte er sich stützen, so daß er wieder hochkam. Ganzschmutzig war sein schöner, brauner Rock geworden. Alle Knöpfe warenabgeplatzt, und eine lange Naht war aufgerissen. Gut, daß ihn seine Frau nichtmehr sehen konnte. Nun saß der Sumsemann eine Weile am Tisch und dachte nach,womit er sich die Zeit vertreiben könnte. Da er aber weiter nichts anzufangenwußte und über die traurige Stimmung hinwegkommen wollte, nahm er seine kleineGeige und spielte sich ein lustiges Maikäfertänzchen; dazu sang er:

'Eins, zwei, drei - eins, zwei, drei,
Fiel eine Biene in den Brei;Plumsdibums,Dideldumdei!
Alle Käfer sitzen drum herum,Lachen sich schief,Lachen sich krumm,Brumm, brumm!

Vier, fünf, sechs - vier, fünf, sechs,Macht eine Fliege einen Klecks;
Putschpitschpatsch,Klickklackklecks!
Pfui, ruft jeder rechte Käfermann,Seht sie an,Was sie kann,Heran, heran!

Sieben, acht, neun - sieben, acht, neun,Tanzen alle kleinen Käferlein;
Ringelreih,Dideldudeldei!Um die dicke Linde mit Gesumm,
Rechts herum,Links herum,Brumm, brumm ! '

Dabei wurde er so fidel, daß er ganz vergaß, wo er war, und sehr erschrak,als Peterchen und Anneliese plötzlich laut auflachten, weil er gar so komischherumsprang bei seinem Tanz. Er hatte sie nämlich mit seiner Musik aufgewecktund gar nicht bemerkt, daß sie ihm schon eine ganze Weile zusahen. Eigentlichhatte er Angst und wollte sich schnell totstellen, aber die Kinder lachten sovergnügt, daß er sich wieder ein Herz faßte. Er legte also seine Geige aufden Tisch, strich seine schöne, schwarz-weiße Weste glatt, richtete diekleinen Fühlhörnchen an seinem Kopf auf, machte eine Verbeugung und stelltesich vor: 'Herr Sumsemann ! '

Die Kinder waren aus ihrem Bettchen geklettert, und da sie wußten, was sichgehört, machte Peterchen auch eine Verbeugung, Anneliese einen Knicks, und siestellten sich ebenso vor. Nun aber waren sie schrecklich neugierig, begucktenund befühlten den Sumsemann überall, bewunderten die kleine silberne Geige undwollten alles wissen.Dem dicken Maikäfer wurde ganz schwindlig von all den Fragen nach der GrilleZirpedirp und nach der toten Frau, die das Huhn gefressen hatte. Plötzlichhatte Peterchen auch entdeckt, daß ihm ein Beinchen fehlte. Der wußte nämlichganz genau, wieviel Beinchen ein ordentlicher Maikäfer haben muß, und darumfragte er nun.So war also wirklich der große Augenblick für den Letzten der Sumsemannsgekommen: Zwei gute Kinder fragten ihn nach seinem Beinchen. Viel hundertJahre hatten seine Ahnen und Vorfahren dies ersehnt und waren totgeschlagenworden. Und jetzt - jetzt!!

Ihm wurde ganz grün vor den Augen, seine Flügel zitterten vor Aufregung,und beinahe wäre er auf den Rücken gefallen. Aber er beherrschte sich doch, sogut es ging, holte tief Luft, wischte sich mit einem grünen Lindenblättchen,das er immer als Taschentuch benutzte, den Schweiß von der Stirn, machte einesehr geheimnisvolle Miene und sagte: 'Ja, das ist eine sehr traurige undwunderbare Geschichte !'

Nun wollten die Kinder natürlich die Geschichte hören, schlepptendrei Schemelchen herbei, und gleich darauf saßen sie, der Maikäfer in derMitte, Peterchen links und Anneliese rechts dicht neben ihm. Es war totenstillin der Stube und sehr geheimnisvoll. Der Mond sah groß und gelb durch dieBlumen vor dem Fenster, und der Maikäfer erzählte langsam und feierlich miteinem leisen brummenden Stimmchen die Geschichte vom Beinchen, von der Nachtfeeund vom Mondmann. Staunend hörten die Kinder zu. Ja, das war wirklich einewunderbare und geheimnisvolle Geschichte!

Es war ihnen ganz seltsam zumute. als der Maikäfer nun mit dem Erzählenfertig war und sie mit zwei großen Tränen in seinen runden Glotzäugelchenfragend anguckte. Peterchen war sehr gerührt, und Anneliese wischte sich mitihrem Hemdzipfelchen sogar die Augen, weil ihr immer die Tränen kamen. Dannaber faßte sich Peterchen ein Herz und sagte, daß er das Beinchen schon rechtgern mit Anneliese vom Mond herunterholen möchte; aber der Mond - das hatte erschon mal gehört vom Vater -, der wäre sehr weit fort, da oben irgendwo ganzhoch in der Luft; und wer nicht fliegen könnte, würde wohl niemalshinaufkommen. Anneliese wußte zwar noch weniger vom Mond als Peterchen; aberhoch war er sicher, vielleicht noch höher als der Schornstein auf dem Haus, undsie hatte doch ein klein bißchen Angst, daß man kaputtgehen könnte, wenn manda hinaufwollte, ohne richtig fliegen zu können. Sie sah ganz verlegen aus. DerSumsemann aber wußte: wenn die Kinder nur wollten, so war es schon gut; wennsie den guten Willen hatten, zu helfen, dann konnte er sie sogar das Fliegenlehren. So stand es nämlich in der Familiengeschichte der Sumsemanns deutlichmit weißer Tinte auf grünen Blättern geschrieben. Er hatte es auswendiggelernt. Selig umarmte er die beiden Kinder und sagte, daß sie das Fliegen sehrleicht von ihm lernen könnten, wenn sie nur ein bißchen aufpaßten, wie er esmache. Na, das war was für Peterchen und Anneliese!

Sie fingen laut an zu lachen und tanzten wie toll in ihren Hemdchen im Zimmerherum. Aber es galt keine Zeit zu verlieren, wenn sie noch nach dem Mond fliegenwollten. Und so setzte der dicke Maikäfer sich in Positur, um den Kindern etwasvorzufliegen. 'Aufgepaßt!' sagte er, nahm seine kleine silberne Geige ansKinn, spielte und sang dazu:

'Rechtes Bein - linkes Bein,Rechtes Bein - linkes Bein,
Rechtes Bein und linkes Bein,Summ! - dann kommt das Flügelein
Summ - Summ - Summ!'

Da flog er auch schon im Zimmer herum, und die Kinder klatschten vor Vergnügenlaut in die Hände. Jetzt sollten sie es nachmachen. Es war ein feierlicherAugenblick!Peterchen stellte sich in Positur, und Anneliese daneben, mit ein ganz kleinwenig Herzklopfen. Der Maikäfer stand vor ihnen mit der Geige, sie mußten dieÄrmchen ausbreiten, und während er geigte und sang, machten sie gehorsam diekomischen Schritte nach, die er vorhin vorgemacht hatte. Plötzlich als er sang:'Summ! - dann kommt das Flügelein.' Was war das? Sie hoben sich von der Erdein die Luft ... ja ... sie flogen richtig rund im Zimmer herum!Zuerst waren sie so erstaunt, daß sie nur die Augen ganz weit aufrissen undauch die Mäulchen. Dann aber konnte es Anneliese nicht mehr aushalten vor Vergnügen;denn es war wirklich zu schön, so wie ein richtiger Käfer in der Luftherumzusummen. Sie lachte laut auf, strampelte mit den Beinchen und klatschtebegeistert in die Hände... Bauz!! Da lagen sie beide auf der Nase!

Sie guckten den Herrn Sumsemann sehr erstaunt an. 'Das kommt vom Klatschen',sagte der. Natürlich, wenn man fliegen will, darf man nicht in die Händeklatschen! Das tun ja die Maikäfer auch nicht beim Fliegen. Obwohl sie sichdoch ein wenig weh getan hatten beim Herunterpurzeln aus der Luft, verkniffensie die Tränen und standen tapfer wieder auf. Anneliese war sehr verlegen, dennsie hatte ja angefangen mit der Strampelei. 'Noch einmal! ' hieß es jetzt,und wieder geigte und sang der Käfer, sie machten die Schritte, die ervorgemacht hatte, und als die Zeile kam: 'Summ! - dann kommt das Flügelein.. .'flogen sie, genau wie vorher, ganz hoch in die Luft. Nun hüteten sie sich aberzu klatschen, und, obwohl es so schön war, daß sie wieder laut lachen mußten,hielten sie doch ihre Arme ruhig ausgebreitet und strampelten nicht mit denBeinen wie vorher. So blieben sie in der Luft, solange der Maikäfer geigte, undals das Liedchen aus war, glitten sie sanft, wie zwei kleine Schmetterlinge, aufdie Erde herab. Es war sehr schön gewesen!

Peterchen meinte, daß es bei ihm richtig gebrummt hätte beim Fliegen, undAnneliese hatte auch so etwas bei sich gehört. Herr Sumsemann fand das ganz inder Ordnung, denn das Brummen gehört ja bei den Maikäfern auch zum Fliegen.Nun also konnte das große Abenteuer beginnen. Gelb und rund stand der Mond überder Sternblumenwiese vor dem Fenster. 'Es ist sehr weit', sagte der Maikäfer,obgleich es ganz nah aussah; aber er mußte es wissen. Darum sollten sieProviant mit auf die Reise nehmen. Hierfür waren die Äpfel von Muttchen gut.Aber auch die Puppe und den Hampelmann wollten sie nicht daheim lassen. Die mußtendoch große Abenteuer miterleben!

Der Maikäfer zog zwar zuerst eine krause Nase, denn für Puppen und Hampelmännerhatte er gar kein Verständnis, der dumme Kerl; aber schließlich meinte erdoch, 'man könne nicht wissen, wozu es gut sei'; und so durften Püppchen undHampelhänschen mit. Natürlich schnallte sich Peterchen sein kleinesHolzschwert ums Hemd, denn Kämpfe gab es sicher zu bestehen. Damit war auch derMaikäfer sehr einverstanden. Er hatte nämlich doch etwas Angst vor der großenReise. Wir wissen schon, daß er von Natur nicht sehr mutig war. Jetzt waren siesoweit. Sie stellten sich hintereinander auf; der Maikäfer vorn, mit derkleinen Geige, dann Peterchen, dann Anneliese. Das Liedchen ertönte, sie hobendie Arme, machten die Schritte, wie sie es gelernt hatten, und ... plötzlichging die Wand des Zimmers weit auseinander, die Sternblumenwiese lag vor ihnen,von Tausenden von Glühwürmchen beleuchtet, und sie flogen hinaus ... über dieWiese hin... immer weiter ... auf den großen, goldenen Mond zu, der vor ihnenüber die Bäume guckte.

  
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