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> Der Kampf mit dem MondmannAuf dem Monde war eigentlich alles sonderbar und wunderlich; aber auf dem Gipfeldes Mondberges war es doch am allerseltsamsten. Bäume standen da, die gar nichtwie Bäume, sondern wie Baumgespenster aussahen. Grauweiß waren sie und ganzgebeugt unter der Last einer uralten Asche, die wohl einst nach großen Stürmenauf dem Monde wie Schnee auf ihre Zweige niedergefallen sein mochte. Jeder Baumwarf einen langen Schatten. Pechschwarz, gleich dicken Tintenstrichen lagendiese Schatten auf dem geistergrauen Boden und sahen sehr unheimlich aus. Hinund wieder standen große, grünliche Pilze, die gewiß sehr giftig waren,zwischen den Wurzeln der Gespensterbäume, und uralter, eisgrauer Schimmel hattealle Steine am Boden dick überzogen. Kein Ton war zu hören; kein Vogel sang,kein Lufthauch regte einen Zweig in diesem toten Walde, eisekalt war es undgrabesstill ringsum. Die Kinder hätten sich gewiß sehr gefürchtet, wenn sieZeit dazu gehabt hätten; aber sie hatten so viel zu tun mit dem Suchen nach demMaikäferbeinchen, daß sie gar nicht merkten, wie unheimlich es eigentlich hieroben war. Man fürchtet sich wirklich nur, wenn man nichts zu tun hat. Dashatten sie jetzt schon öfter gemerkt. Sie froren nicht einmal, trotzdem siedoch nur in ihrem Nachthemdchen waren, so emsig sprangen sie von einem Baume zumanderen und suchten nach der Birke mit dem Beinchen. 'Hurra! ' schriePeterchen plötzlich; 'da hängt das Beinchen - ich sehe es, ich sehe es!' Richtig! In der Mitte eines kleinen, mit Mondstaub und Schimmel überzogenenPlatzes stand einsam ein Bäumchen, das wirklich aussah wie eine tiefzugeschneite kleine Birke. Im Stamm dieser Birke steckte ein langer, rostigerNagel, und an einem roten Bändchen hing daran ein einzelnes Maikäferbeinchentotenstill in der dunklen Luft. Hellauf jubelten die Kinder, und selbst denSumsemann, dem das Maikäferherz schon wieder beim Anblick dieses unheimlichenWaldes in das unterste Rockschlippchenende gerutscht war, packte die Freude beidieser Entdeckung so, daß er die Flügel entfaltete, selig zu brummen anfingund den Kindern noch vorausfliegen wollte, trotzdem sie so schnell liefen, alssie konnten... Da ereignete sich etwas Unerwartetes: Hinter einem großen Stein,der neben der Birke lag, sprang plötzlich der Mondmann zähnefletschend und brüllendhervor. Die Kinder blieben auf der Stelle stehen und faßten sich bei der Hand. Greulich sah der Mondmann aus! Riesengroß war er, hatte ein graues,verhungertes Gesicht, so voller Falten und Runzeln wie ein alter Stiefel.Schauderhaft häßlich war sein Mund; eine Schnauze war es fast, mit langen,gelben Zähnen; um seinen Kopf starrte verfilztes schmutziges Haar, und der Barthing in wüsten Zotteln auf seine lange,eisgraue Kutte; auf dem Rücken baumelte ihm an einem Strick ein großesReisigbündel, und in der einen Hand trug er eine mächtige, blanke Axt. Sostand er vor den beiden kleinen, mutigen Hemdenmätzen. Mutig waren sie, das mußman sagen; denn, trotzdem sie einen tüchtigen Schreck bekommen hatten, nahmensie nicht Reißaus, wie das gewiß viele andere Kinder getan hätten, sondernblieben tapfer stehen. Peterchen machte sogar eine schöne Verbeugung und,obwohl ihm das Herz gewaltig klopfte, fragte er den wilden Mann höflich, ob erhier oben wohl ein Maikäferbeinchen in Verwahrung habe. Der Mondmann fletschtedie gelben Zähne und brüllte:'Was wollt ihr winzigen Würmer hier? Was wollt ihr in meinem Waldrevier?Ein Maikäferbein, ein Maikäferbein, Soll hier auf meinem Mondberg sein?' Peterchen erzählte ihm nun unerschrocken alles, was er von derBeinchengeschichte wußte, und Anneliese nickte immer zur Bestätigung mit demKopfe, denn sprechen konnte sie nicht vor Herzklopfen. Der Mondmann aber standdabei grimmig grinsend vor ihnen, schaukelte immer von einem Bein auf das andereund schnüffelte mit seiner Schnauze nach den kleinen Äpfelchen, die sie beisich hatten. Als Peterchen ihn dann am Schluß seiner Erzählung bat, dasBeinchen herzugeben, fauchte er:'Du bittest mich sehr? - Was gibst du mir, Wenn ich es dir gebe, denn wiederdafür?' Anneliese hielt ihm schnell ihr letztes Äpfelchen hin. Rapps! ... hatte eres gefressen und schnüffelte nach Peterchens Körbchen, in dem auch nocheiniges übrig war. Höflich gab es Peterchen ... fort war's! Und während derUnhold noch diesen zweiten Apfel schmatzend verschlang, roch er schon diePfefferkuchen, die der Weihnachtsmann ihnen mit auf die Reise gegeben hatte.Gierig wollte er sie haben. Es war gewiß für die Kinder ein schwerer Entschluß,aber sie gaben ihm auch die schönen Pfefferkuchen. Man mußte sich wirklichekeln und entsetzen; denn mit dem bunten Einwickelpapier und mit dem Bindfadenfraß der wüste Mann die Päckchen, wie ein Ochse, der Heu frißt. Währenddessenaber schielten seine grünen Augen schon nach dem Hampelmann, den Peterchenunter dem Arm hatte. Er wollte ihn durchaus haben, und als Peterchen ihn zögerndreichte ... nein, das war wirklich toll ... da biß er ihn mitten durch undschluckte ihn herunter, etwa wie unsereiner eine Erdbeere! Peterchen war noch ganz starr von dem Schreck über diesen Hunger, da griffder Mondmann schon nach Annelieses Püppchen. Das war nun sehr schlimm!Anneliese wollte ihr Püppchen durchaus nicht hergeben und fing bitterlich zuweinen an.'Immer her, immer her mit dem Puppenkind!Sonst geb' ich das Beinchen nicht raus! - geschwind!'brüllte der wilde Mann. Ja, um den Preis mußte auch das liebe, kleine Püppchengeopfert werden. Es war furchtbar! Anneliese hielt sich beide Augen fest zu und weinte schrecklich, als er ihmden Kopf abbiß, daß die Porzellansplitter nur so knisterten zwischen seinenscheußlichen Zähnen. Nicht einmal in die Schnauze schnitt er sich dabei! Dashatte sie nämlich im stillen gehofft. Dann war auch dies Püppchenverschlungen, das letzte, was sie hatten. Der Mondmann strich sich den Bauch undleckte sich die Schnauze vor Behagen; die Kinder aber dachten: 'Nun ist erzufrieden und gibt uns endlich das Beinchen heraus', denn es hatte ihm dochalles, auch das Porzellanköpfchen vom Püppchen und der Sägespäneleib vomHampelmann, prächtig geschmeckt. Nein, der Unhold lief schon wieder schnüffelndherum, als hätte er noch immer nicht genug! Das war doch eigentlich toll! Peterchen war sehr entrüstet über solcheGierigkeit und Unbescheidenheit und verlangte jetzt energisch das Beinchen, dennÄpfelchen, Pfefferkuchen, Hampelmann und Püppchen waren gewiß ein sehransehnlicher Kaufpreis. Die Kinder hatten nichts mehr zu verschenken. Mitglimmrigen Augen guckte der Mondmann sie an - von oben bis unten -, zog langsamein riesenlanges Messer aus seinem Kittel, wetzte es sorgfältig an einem großenStein vor ihnen und schmunzelte und schmatzte dazu vor sich hin: 'Zwei Menschlein kamen zu mir herauf. Und damit wollte er sich auf die Kinder stürzen. Was sollten sie nun tun?Anneliese klammerte sich an Peterchen, und dieser zog mutig sein kleinesHolzschwert. Niemand konnte denken, daß der kleine Junge damit den wildenMenschenfresser besiegen würde; aber in diesem Augenblick, als er das Schwerthob, geschah etwas ganz Unerwartetes:Pechfinster wurde es, ein lohender Blitz zuckte, und mit himmelerschütterndemDonnerschlag sprang der Donnermann aus der Weltnacht auf den Berggipfel, stürztesich auf den Mondmann, schlug ihn - Krach! - krach! - krach! - über den Kopfund stieß ihn mit einem so fürchterlichen Fußtritt vor den Bauch, daß derwiderwärtige Menschenfresser wie ein Sack auf dem Boden herumkollerte. Dann warder Donnermann wieder in der Nacht verschwunden, und nur ein fernes Rollen hörteman noch, das bald verklang. So schnell war das alles geschehen, daß die Kinderkaum Zeit hatten, es richtig zu begreifen.'O weh, mein Bauch! - O weh, mein Bein!Verfluchte Pein! - verfluchte Pein ! 'schrie der Mondmann und wälzte sich auf dem Boden zwischen den Bäumenherum. Fast mußten die Kinder lachen, so sonderbare Verrenkungen machte erdabei. Er hatte so furchtbare Hiebe bekommen, daß er sich vor Schmerzen bog,wie eine Riesenmade. Trotzdem versuchte er, wieder auf die Beine zu kommen, undschnaufte: 'Das war der Donnermann, ihr Kröten! Da kam er auch schon hoch, griff nach dem Messer und wollte sich zumzweitenmal auf die Kinder stürzen. Peterchen hob sofort wieder sein Schwertgegen ihn, und als habe er auf dieses Kommando des kleinen Jungen nur gewartet,tauchte jetzt mit weit geblähten Backen der dicke Wassermann aus der Tiefeherauf. Ehe sich der Mondmann recht besonnen hatte, schoß ihm aus dem breitenFroschmaul des Wassermanns ein eiskalter Wasserstrahl mit solcher Gewalt mittenins Gesicht, daß er sich nach hinten überschlug und zum zweiten Male am Bodenherumwälzte. Er wollte natürlich brüllen; aber, kaum riß er die Schnauze auf... zisch! ... fuhr ihm der Wasserstrahl hinein, so daß er nur glucksen undprusten konnte; und nicht eher hörte der Wassermann zu spritzen auf, bis derMondmann triefend von dem eiskalten Wasser wie ein Toter dalag; dann sagte erbefriedigt ein paarmal: 'blubberquacks', nickte den Kindern gutmütig zu undversank wieder. Diesmal war es wirklich so komisch gewesen, als der Mondmannumgespritzt wurde und immer nur prusten und glucksen konnte, wenn er brüllenwollte, daß selbst Anneliese lachen mußte. Überhaupt waren beide Kinder jetztschon viel beherzter als zuerst, nachdem sie erfahren hatten, wie die gutenNaturkräfte ihnen treuen Beistand leisteten, wenn es sehr gefährlich wurde.Darum gingen sie nun auch ganz ruhig ein Stückchen näher an den umgespritztenMenschenfresser, um ihn sich zu begucken. Da lag er, naß wie ein Pudel; aberdoch noch nicht ganz leblos, denn von Zeit zu Zeit schnaufte er. Peterchendachte einen Augenblick, man könnte nun wohl das Beinchen holen; aber dabewegte sich der wüste Riese schon wieder. Er kollerte ein paarmal herum, vorwärtsund rückwärts und keuchte:'Hat er mich auch halbtot gespritzt, Es hat euch Kröten doch nichts genützt!-Ich komme schon hoch - ich will mich schon rappeln! Ihr sollt mir dennoch amBratspieß zappeln!'Da war er auch schon wieder auf den Beinen und taumelte auf sie zu. 'Trotz Donnerbrummen und Wasserspritzen,Sollt ihr prutzeln und braten und knusprig schwitzen!'brüllte er und schwang mit greulichem Grunzen das Messer. Jetzt hobPeterchen zum dritten Male sein kleines Holzschwert, und zum dritten Malegeschah etwas für den Mondmann ganz Unerwartetes:Rauschend fuhr es aus der Höhe herunter, mit pechschwarzen, riesigen Flügeln.Über den Mondberg hin ging ein Wirbelwind, daß sich die grauen Bäume, die sotot und unbeweglich gestanden hatten, knisternd bogen, gleich Grashälmchen aufeiner Wiese. Was war das? Der Sturmriese kam den Kindern zur Hilfe. Mit seinen mächtigen Fäusten rißer im Walde den dicksten Baum aus dem Boden, warf ihn krachend über denMondmann und war im Nu wieder fort, wie er im Nu gekommen war. Das ging wiederso schnell, daß man sich kaum darüber besinnen konnte, und die Kinder merktenerst richtig, was geschehen war, als sie den Mondmann jetzt wie einen geprügeltenRiesenhund vor Wut und Schmerz aufheulen hörten. Unter dem Baumstamm lag erfestgeklemmt auf dem Boden, konnte sich nicht rühren und brüllte so fürchterlich,daß der ganze Berg davon zitterte. Peterchen hatte jetzt natürlich einengewaltigen Mut. Er wußte, daß auf sein Kommando die großen Naturgewaltenherbeikamen. Also ging er unverzagt, sein kleines Schwert in der Hand, ganzdicht an den gefangenen Unhold heran und sagte: 'Siehst du, Mondmann, das kommtdavon, daß du das Beinchen nicht herausgeben und uns auffressen wolltest,trotzdem wir dir schon so viel zu essen gegeben hatten. Nun bist du gefangen undkannst nichts machen, und wir, wir holen das Beinchen und lachen!'Anneliese aber machte ihm eine lange Nase und sagte: 'Ätsch!' Man kann sich wohl denken, wie das den Mondmann ärgerte. Er pfiff vor Wutwie ein verrostetes Türschloß, spuckte nach den Kindern und fletschte die Zähne. 'Oooh! wenn auch Feuer, Wasser und Wind So fauchte er und zerrte dabei wütend an dem Baum, unter dem er festgeklemmtlag. Furchtbar stark mußte er sein, denn wirklich bewegte sich der dicke Stammüber ihm von seinem wütenden Rütteln so, daß Peterchen schnell zurücksprang.Es war auch die höchste Zeit gewesen! Krick - krack! brachen ein paar Äste,der Baum rollte schwerfällig herum, und der Mondmann kam frei. Dicken Schaumhatte er vor Grimm an der Schnauze. 'Jetzt ist es mit eurer Frechheit vorbei! So heulte er, griff nach seiner mächtigen, blanken Axt, da ihm das Messervom Sturmriesen zerbrochen worden war, und stürzte vorwärts...Peterchen hob wieder sein Schwert, aber im Augenblick hatte der Mondmann esihm aus der Hand geschlagen. Da rief Anneliese plötzlich ganz laut:'Sternchen - Sternchen - kommt herbei!'Die Kinder wären ganz gewiß verloren gewesen, wenn Annelieschen nichtgerufen hätte, denn Peterchen war im Augenblick so erschreckt, daß er nicht wußte,was er tun sollte. Auf Annelieses hellen Ruf aber geschah jetzt dasWunderbarste:Ein weißes Leuchten ging vom Himmel nieder, und neben den Kindern standen,in einer Geschwindigkeit, die man nicht ausdenken kann, ihre beiden Sternchenmit gegen den Mondmann hoch erhobenen Händen. Blendendes Licht strahlte vondiesen Händen gegen die weit aufgerissenen Augen des Unholdes, als er eben dieKinder packen wollte. Er stutzte, als sei er mit einem Hammer vor den Schädelgeschlagen, taumelte zurück, ließ die Axt fallen und fuhr sich mit beiden Händenan die Augen. 'Nanu - was ist das? - bin ich blind? keuchte er, tappte tolpatschig im Walde herum und stieß immerfort, weil ervollkommen geblendet war, mit seinem dicken Kopf an die Bäume und Felsen. 'Au!'- brüllte er jedesmal und torkelte weiter.'Hier müssen sie sein! - Dort müssen sie stehen!'schnaufte er und lief - bums! - genau in der verkehrten Richtung wieder gegeneinen spitzen Felsen, daß ihm das Blut nur so herausspritzte. Aber trotz allemrappelte er sich wieder hoch und lief wie ein Besessener weiter. Schließlich hörtensie nur noch ganz fern, wie er schrie:'Ich freß' euch mit Haut und Haaren, Gezücht! Ihr entgeht mir nicht - ihrentgeht mir nicht ! ' Die Kinder waren so erstaunt, daß sie gar nichts sagen konnten; sieschmiegten sich nur ganz dicht an ihre Sternchen und waren sehr froh. Für einenAugenblick war es ganz still, dann beugten sich die Sternchen liebreich, jedesüber sein Kind, hauchten ihnen einen leisen Kuß ins Haar und sagten mit ihrensilberreinen Stimmchen:'Macht schnell, macht schnell, verliert keine Zeit! Lebt wohl, der Tag istnicht mehr weit!'Fort waren sie, wie sie gekommen waren, und die Kinder blieben allein. |
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