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Die MondkanoneEin bissel unheimlich sah es doch in der Schlucht aus. Da waren so finstereSchatten und so sonderbar geformte Steine, daß man sich eigentlich hätte fürchtenkönnen, wenn man Zeit dazu gehabt hätte. Wenn man aber keine Zeit dazu hat,dann fürchtet man sich eben nicht. Das ist eine alte Geschichte. 'Halt Petz!'rief das Sandmännchen plötzlich. Der Bär war noch so im Lauf, daß er aufallen vieren ein Stück weiterrutschte, ehe er sich gebremst hatte. Dicht nebeneinem großen Felskegel, der einen pechschwarzen, langen, spitzen Schatten übereinen freien Platz warf, hielt er still. Genau an der Stelle, wo der Schatten aufhörte, stand die Mondkanone auf einem kleinen grauweißen Hügelchen. Sie war halb darin versunken und mußte wohl schon viele tausend Jahre hier stehen, denn der Mondstaub lag so dick auf ihr, daß nur hie und da noch das Metall des gewaltigen Kanonenrohres ein wenig hervorblitzte. Aus grauem Silber war dieser Kanonenlauf; noch dicker als ein Regenwasserfaß und wohl zehnmal so lang. Ein kleines Leiterchen lehnte neben der Mündung, die steil in die Luft gerichtet war, und nicht weit davon stand ein Kanonenwischer, zum Putzen des Laufes, ehe geschossen wird. Der Wischer sah eigentlich sehr lächerlich aus, wie eine mächtige, kreisrunde Igelbürste, mit einem langen Stiel daran. 'Wir sind am Ziel der Reise!' sagte jetzt das Sandmännchen. Also kletterten sie eiligst von dem großen Bären herunter, der sich augenblicklich zum Heimgalopp umdrehte; er hatte seine Pflicht getan, wollte sein Futter haben und seine Ruhe im Bärenstall. Damit hatte er natürlich recht, bekam zum schönen Dank von den Kindern noch ein Äpfelchen, vom Sandmann einen freundlichen Klaps auf den dicken Bärenschinken und trottete davon. Die drei Abenteurer aber standen am Fuße des himmelhohen Berges, und das Sandmännchen nahm eine sehr feierliche Miene an. Jetzt kam nämlich das große Ereignis, dessentwegen sie die Reise gemacht hatten: die Begegnung mit dem Mondmann und die Eroberung des Beinchens. Hoch oben, auf der höchsten Spitze des Berges, hauste der Mondmann, und dort stand auch in einem kleinen Wald die Birke, an der das Beinchen damals hängengeblieben war. Mit großer Wichtigkeit erklärte der Sandmann den Kindern, daß er sie jetzt in die Kanone hineinladen würde, zuerst den Sumsemann, dann das Peterchen, dann die kleine Anneliese, denn man müsse auf den Berg hinaufgeschossen werden; anders sei es unmöglich, dort hinaufzukommen. Wenn sie aber alle oben wären, müßten sie in dem kleinen Wald das Beinchen suchen, es von dem Bäumchen herunternehmen und dem Sumsemann vorsichtig, an der richtigen Stelle, mit Spucke wieder ankleben. Sollte ihnen beim Suchen etwa der Mondmann begegnen, der dort oben immerfort herumliefe, so sei das auch weiter nicht schlimm. Artigen Kindern könne er nichts tun, wenn er auch noch so grimmig täte. Würde aber der greuliche Kerl gar nicht zu besänftigen sein, dann gäbe es ein unfehlbares Mittel: die Kinder sollten nur ihre Sternchen zur Hilfe rufen. Sie würden schon sehen, wie das dem Mondmann bekäme. Als das Sandmännchen mit seiner Erklärung fertig war, schnaubte es sich die Nase, denn ihm war wieder ziemlich gerührt zumute. Daß es von den beiden, lieben Kindern Abschied nehmen sollte, ging ihm doch nahe; und schließlich - der Mondmann da oben? Es könnte möglicherweise einen wirklichen Kampf geben, und einfach war das nicht. Als die Kinder merkten, daß dem guten Sandmännchen so ein wenig weich ums Herz war, fielen sie ihm plötzlich um den Hals, um sich zu bedanken, und gaben ihm herzhafte Küßchen. Na, das war was für das Sandmännchen! Nun aber hieß es, ans Werk zu gehen; denn, kam der Morgen, ehe die Kinderdas Beinchen hatten, so war alles umsonst. Der Sandmann ergriff denKanonenwischer, kletterte auf dem Leiterchen zur Mündung der Kanone und putzteden Lauf umständlich und gründlich. Es war ja, seit der Mondmann damals vortausend Jahren hinaufgeschossen wurde, nicht mehr daraus geschossen worden; undwenn der Lauf innen nicht so blitzblank war wie eine Kakaobüchse, konnten sichdie Kinderchen leicht beim Herausfliegen die Nasen abscheuern. Ernsthaft undaufmerksam guckten sie zu. Ordentlich schwitzen tat das Sandmännchen, und wennes sich mal einen Augenblick verpustete, gab es den Kindern noch gute Ratschläge,wie sie den Mondmann behandeln müßten; natürlich höflich, denn auch dierohesten |
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